SIKID: Sicherheit für Kinder in der digitalen Welt: Regulierung verbessern, Akteure vernetzen, Kinderrechte umsetzen
Heranwachsende sind eine besonders verletzliche und schutzbedürftige Gruppe. Ein Drittel der Internetnutzenden weltweit ist jünger als 18 Jahre. Oft gelangen Kinder verfrüht und nicht ausreichend begleitet in die digitalen Welten und werden mit diesen überfordert. Kinder konsumieren heute nicht nur Medien, sondern kreieren Inhalte und interagieren in Spielen, Chats und Sozialen Medien, ohne die Folgen ihres Online-Handelns sicher abschätzen zu können. Hier entstehen neue, bisher unbekannte Gefährdungslagen. In SIKID sollten Jugendschutzkonzepte für das Internet von einem kinderrechtlichen Ansatz her entwickelt werden.

Um Sicherheit und Resilienz nicht nur in der physischen, sondern auch in der digitalen Welt zu stärken, muss unsere Gesellschaft die Fähigkeit besitzen, Sicherheitsrisiken beim Umgang mit digitalen Medien kompetent zu begegnen. Gerade, wenn es um besonders vulnerable Gruppen geht, wie beispielsweise Kinder. Dies erfordert von den unterschiedlichen Akteuren wie Sicherheitsbehörden, Gesetzgebern und nicht zuletzt den Internetnutzerinnen und -nutzern das notwendige Wissen und wirksame Instrumente zur Prävention und Aufarbeitung von Online-Gewalt, Hass und sexueller Ausbeutung von Kindern über das Internet.
Kinderrechtliche Perspektive im Vordergrund
Das vom BMBF geförderte Projekt „Sicherheit für Kinder in der digitalen Welt“ (SIKID) hat sich daher von September 2021 bis August 2024 mit den Gefahren beschäftigt, die durch die Online-Kommunikation und -Interaktion auftreten können, wie Cybermobbing, Hassrede, Cybergrooming (Online-Manipulation Minderjähriger mit dem Ziel von sexuellen Handlungen), Sextortion (Erpressung mit Nacktbildern) oder non-konsensuales Sexting (Zusendung von pornografischen Inhalten). Solche Handlungen sind dynamisch, orts- und zeitunabhängig und können von Nutzerinnen und Nutzern nur schwer vorhergesehen und erfolgreich adressiert werden.
Innovativ am SIKID-Ansatz ist u.a. die kinderrechtliche Perspektive, welche die international verbrieften und in Deutschland geltenden Kinderrechte aufgreift. Das Projektkonsortium stellt bei seinen Aktivitäten die Rechte, Bedürfnisse und Interessen von Kindern in den Fokus. Hintergrund ist eine immer intensivere Mediatisierung von Kindheiten (vgl. die jährlich erscheinenden Studien „JIM: Jugend, Information, (Multi-) Media“ und „KIM: Kindheit, Internet, Medien“ des Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest). Heranwachsende haben das Bedürfnis und das Recht, ihren Wunsch nach sozialer Teilhabe über soziale Medien auszuleben, weshalb SIKID die Sicherheit von Heranwachsenden mit ihrem Recht auf gesellschaftliche Teilhabe besser vereinen möchte.
Ergebnisse
SIKID hat sowohl konzeptuelle als auch empirische Arbeiten durchgeführt und war besonders aktiv in der Vernetzung relevanter Stakeholder. Als eines der übergreifenden Ergebnisse fungiert der SIKID-Kompass, eine Publikation mit zentralen Handlungsoptionen für das gesamte Akteursnetzwerk. Der SIKID-Kompass wird in den nächsten Monaten auf der Webseite des SIKID-Projekts einsehbar sein. Der Kompass wirbt dafür, dass Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit und Befähigung von Kindern in digitalen Kontexten inter- und transdisziplinär sowie im Netzwerk zu denken sind.
Als Teil der konzeptuellen Arbeiten hat SIKID das Akteursnetzwerk, bestehend aus Politik, Recht, Strafverfolgung, Regulierung, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Anbietern und dem Bildungsbereich, kartografiert und analysiert. Es gibt bereits zahlreiche Kooperationen auf informeller Ebene, jedoch nur schwache Verbindungen der Sicherheitsbehörden zu anderen Akteurskategorien. Weitere konzeptuelle Arbeiten bieten Orientierung bei der Umsetzung eines kinderrechtlichen Ansatzes im Sicherheitsbereich. So wurden ethische Leitlinien zur Forschung mit Kindern und Jugendlichen für die zivile Sicherheitsforschung erarbeitet. Ethische Fragen in diesem Zusammenhang betreffen u.a. die informierte Einwilligung, Vertraulichkeit und Datenschutz, die Rolle der Eltern und Schutz vor Verängstigung oder Retraumatisierung. Bei der Umsetzung der Vorsorgepflicht durch die Anbieter bietet das White Paper zum Digital Services Act (DSA) Orientierung. Das Papier zeigt kinderrechtliche Best-Practice-Ansätze bei der Erfüllung der Anforderungen des DSA auf.
Empirische Erkenntnisse aus Interviews und Gruppendiskussionen mit Kindern und Jugendlichen beziehen sich auf die Bewältigungsstrategien der Heranwachsenden: Wie minderjährige Betroffene mit Verletzungen umgehen, ist je nach Situation unterschiedlich. Häufig zeigt sich jedoch ein Gefühl der Machtlosigkeit. Je nach Belastung wird das persönliche Umfeld einbezogen. Nur in Notfällen wenden sich Betroffene an Sicherheitsbehörden oder Beratungsangebote. Zudem weist SIKID empirische Befunde zum Thema jugendliche „Bystander“ vor. Bystander sind Zeuginnen und Zeugen einer Online-Verletzung, z.B. Mitglieder eines Gruppenchats der Schulklasse, in dem Cybermobbing stattfindet. Den qualitativen Erhebungen zufolge gibt es auch hier ein großes Gefühl der Machtlosigkeit, insbesondere bei Online-Hatespeech. Vereinzelte Bystander-Interventionen finden auf privater Ebene und im Alleingang statt; gemeinsam mit anderen Personen wird selten interveniert.
Aus den Befunden zur Bystander-Studie ist das Bildungsprogramm „FairNetzt“ entstanden. Das Programm soll die digitale Zivilcourage von Schülerinnen und Schülern der 6. bis 10. Klasse stärken, also die Befähigung von Bystandern, bei Interaktionsrisken einzugreifen. Es soll in Kooperation mit Schulen und außerschulischen Akteuren u.a. prosoziale Verhaltensnormen, Empathie und Handlungsstrategien vermitteln.
Ausblick
Die vielseitigen Ergebnisse und Arbeiten des SIKID-Projekts sind anschlussfähig für die zivile Sicherheitsforschung sowie eine breitere Praxis. Die Instrumente zur Befähigung von Bystandern können von Institutionen mit Bildungsauftrag, auch in Kooperation mit Sicherheitsbehörden, umgesetzt werden. Die Sicherheitsbehörden profitieren von einer Übersicht über die Akteurslandschaft für die empfohlene Stärkung ihrer Kooperation mit dem erzieherischen Jugendmedienschutz. Anbieter können sich Anregungen zur Umsetzung kinderrechtlich orientierter Regulierung holen, wobei es in Zukunft mehr Interdisziplinarität zur Entwicklung von security by design und child rights by design Ansätzen braucht.
Zuletzt ist der SIKID-Ansatz zur ethisch fundierten Forschung mit Kindern und Jugendlichen für die Weiterentwicklung der zivilen Sicherheitsforschung relevant. Ziel ist, dass zukünftig in der zivilen Sicherheitsforschung ein stärkerer Fokus auf die angemessene Beteiligung von Heranwachsenden gelegt wird.
Das SIKID-Projekt wurde vom BMBF im Rahmen der Förderrichtlinie „Zivile Sicherheit – Gesellschaften im Wandel“ von September 2021 bis August 2024 mit rund 1,2 Million Euro gefördert. Konsortialpartner sind das Internationale Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Eberhard Karls Universität Tübingen, das Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Berlin sowie das Hans-Bredow-Institut des Leibniz-Instituts für Medienforschung in Hamburg.
Autorinnen: Laura Schelenz, Dr. Ingrid Stapf, PD Dr. Jessica Heesen
Weitere Informationen und Publikationen zum Projekt finden Sie auf der Projektwebseite.
Weitere Informationen zum Verbundprojekt
Förderkennzeichen: 13N15884 bis 13N15886
Projektlaufzeit: September 2021 – August 2024
Projektumriss SIKID (PDF, 131KB, Datei ist barrierefrei⁄barrierearm)